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Am Steuer seines eigenen Lebens sitzen und voll und ganz dieser inneren Stimme vertrauen. Kein Ballast, endlich frei sein. Follow the Flow und schau, wohin er dich trägt. Pure Leichtigkeit. Die schönsten Sonnenaufgänge vom Bett aus bewundern. Jeder Tag anderes, jeder Tag ein neues Abenteuer.

Ungefähr das sind unsere Gedanken, wenn wir an diesen Roadtrip im Sommer 2018 zurückdenken. Sechs Monate mit unserem Camper durch den Süden Europas. Einmal die Mittelmeerküste bis nach Gibraltar fahren und an der Atlantikküste wieder zurück. Das war der Traum und wir haben ihn wahr gemacht.

Doch wir hätten uns niemals träumen lassen, wie sehr uns dieses halbe Jahr im Camper verändern wird: Welche alten Glaubenssätze wir auf der Strecke lassen und welche Erfahrungen dieser Reise uns für immer prägen werden. Aber fangen wir mal von vorne an... 

Sechs Monate Vanlife - Dieser Roadtrip hat unser Leben verändert

Vanlife von seiner schönsten Seite: Abendessen "zuhause" mit Blick auf's Meer

träume zu Leben macht verdammt stark

Dezember 2017.  Irgendwo im hektischen Jahresendspurt, zwischen knallbunter Weihnachtsbeleuchtung und deutsch-grauem Winter, trafen Tom und ich die bis dato beste Entscheidung unseres Lebens: Leben!

Schon seit Monaten haderten wir mit allem. Wir suchten vergeblich nach diesem einen guten Gefühl, dass alles im Lot ist, das sich irgendwann still und heimlich aus unserem Leben geschlichen hat.

Und dann war sie einfach da: die Stimme, die uns sagte: „Okay, let’s do it!“

Wir schnitten alte Fesseln durch, machten Gewohnheiten und Bequemlichkeit platt und zimmerten ein klappriges Zukunftsgerüst mit einem Schild dran, auf dem Neuanfang stand. Wir wollten reisen, das Leben suchen und wenn wir es gefunden haben, mal nachfragen, ob es noch mehr zu bieten hat.

Wir wollten uns weiterentwickeln, neues lernen, mal wieder den Puls spüren.

Dann wurde es ernst:  Januar 2018.  Wir kündigten unsere festen Jobs, verkauften, verliehen und verschenkten in den folgenden Wochen unsere halbe Vergangenheit. Wir schmissen alte Pläne über den Haufen und Abschiedspartys mit Freunden.

Die letzten Wochen in Deutschland waren anstrengender als gedacht. Etwas aufzugeben ist ein Ritt mit Höhen und Tiefen und die größte Herausforderung ist es, nicht heulend zwischen Umzugskartons und zig Kündigungsschreiben alles hinzuschmeißen und wieder in die alten, aber doch viel einfacheren Routinen zurück zu kriechen.

Auch eine Challenge: Den vielen Zweiflern – in dir selbst und in deinem Umfeld – die Stirn zu bieten. Die meisten wissen es besser und alle wollen nur dein Bestes. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite wartet dein Traumleben, geheimnisvoll und bescheiden. Es bietet dir nichts an und gibt keine Ratschläge. Es wartet einfach und ist bereit, wenn du es bist.

April 2018. Reisestart.  Mit unserem Camper, einer groben Route und Vorfreude auf Irgendwas brachen wir auf. Unsere erste Etappe war von München bis zum Gardasee. Schon zig Mal gefahren, aber jetzt Aufregung pur! Wir haben nicht wie sonst ein bisschen Urlaubsgepäck im Bus, sondern alles, was wir zum Leben brauchen. Es gibt kein Rückkehrdatum und niemand, der auf uns wartet.

Wir hatten einen Traum, einen Plan, ein Ziel – und jetzt sind wir mittendrin. Schon nach den ersten Metern dieses Roadtrips – und das Gefühl sollte in den nächsten sechs Monaten noch sehr viel stärker werden – haben wir erfahren, wie unheimlich kraftvoll dieser Prozess ist, Träume zum Leben zu erwecken. Gedanken in deinem Kopf zur Realität werden zu lassen.

Denn wenn wir uns diesen Traum erfüllen können, warum dann nicht jeden anderen?
Vanlife in Portugal

Vanlife in Portugal

Mit dem Campervan durch Spanien

Vanlife in Nordspanien

Reisestart am mentalen tiefpunkt

Nächste Erkenntnis: Wir waren fertiger als gedacht. 

Vor der Reise malten wir uns das Leben im Camper als romantisches Wildlife-Abenteuer aus. Ganz im Rhythmus der Natur, Sonnenaufgänge auf einsamen Berggipfeln und frischer Kaffee mit den ersten Vögeln am Morgen. Gab es manchmal – aber sicher nicht in den ersten acht Wochen.

Die haben wir nämlich beinahe komplett verpennt. 10-Stunden-Nächte waren die Regel und am Nachmittag haben wir meistens nochmal ein bis zwei Stunden geschlafen. Traumlos und so fest wie schon ewig nicht mehr. Richtig erholt waren wir selbst danach oft nicht. Nebel im Kopf. Sorgen übernahmen das Steuer. „Wie geht’s jetzt eigentlich weiter?“ Keinen Plan. Viel Leerlauf.

Körper und geist verlangten, mal anzukommen, aber dafür geht man doch nicht auf Reisen! Wir fühlten uns schwer und unserer Abenteuerlust beraubt, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass dieser Dornröschenschlaf schlicht und einfach pure körperliche Erschöpfung war. Eine wirkliche Regenerationsphase, in der sich unsere Körper all die Energie konsequent zurückholte, die wir in den letzten Jahren kopflos verschleudert haben.

Es dauerte Wochen. Aber irgendwann wurde die Sicht wieder klarer. Wir konnten es endlich genießen, einfach nur Reisende zu sein. Wir saßen stundenlang am Meer und verschlangen Bücher und Podcasts. Wir reisten langsam, fuhren kaum mehr als 150km am Tag, blieben immer länger an Orten, die uns gut taten. Der Bus wurde ein richtiges Zuhause und ein sicherer Rückzugsort, wann immer wir einen nötig hatten. Tag für Tag füllte sich die Leere wieder mit Leben, 1000 Zukunftsideen und einer Energie, die sich neu und anders anfühlte.

Zu wirklichen Frühaufstehern sind wir seitdem übrigens trotzdem nie mehr geworden. Weil wir eben schon immer eher Typ Nachteule statt Early Bird waren und weil Kaffee beim Sonnenaufgang irgendwie überbewertet wird.

Wir mögen eben lieber Sonnenuntergänge. Auch so eine Erkenntnis. 

Roadtrip Algarve, Portugal

Im Atlantik schwimmen an der Algarve

Vanlife Algarve, Portugal

Abendstimmung in Andalusien

WAS DU NICHT HAST, STEHT NICHT IM WEG

Minimalismus. Ein Wort, das uns bisher nur hin und wieder unter Fotos von unterkühlt eingerichteten Wohnzimmern in schwedischen Lifestyle-Magazinen begegnete, aber besonders mich auf dieser Reise eine ganze Ecke von Schweden entfernt einholen sollte.

Denn: Vanlife = Minimalismus.

In einem Camper hat Minimalismus dann aber viel weniger mit Lebensstil als mit Über-Lebens-Maßnahme zu tun: Hier bleibt für einen kompletten Haushalt vom Kochtopf bis zum Schlauchboot (Yup, hatten wir dabei! :D) inklusive Möbel, Bad und Küche ungefähr soviel Stauraum wie in einem gewöhnlichen Kleiderschrank.

Jedes Ding braucht hier einen fest verschnürten Platz und eine Funktion. Alles andere fliegt einem bei der Fahrt um die Ohren oder ist ständig im Weg – und damit prädestiniert, dich in den Wahnsinn zu treiben!

Es brauchte also nur wenige Tage im Camper, um eine passionierte Shopping- und Deko-Queen wie mich vom Prinzip Faltbar – Praktisch – Gut zu überzeugen. Und dass weniger mehr ist, weil mehr einfach nicht geht!

Minimalismus hieß für mich früher Verzicht auf Dinge, die ich doch eigentlich besitzen könnte. Heute heißt das Wort für mich Verzicht, auf Dinge, die mich schwer machen, einschränken und festhalten.

Zu zweit auf nur 12 fahrenden Quadratmetern zu leben, hat uns gelehrt, dass sich Leichtigkeit und Freiheit automatisch nach zwei Entscheidungen einstellen: der Entscheidung endlich loszulassen und Ballast abzuwerfen. Und der Entscheidung, dankbar zu sein und die Fülle in unserem Leben zu erkennen, anstatt immer nur den Mangel zu sehen.

So ist Minimalismus für uns nun tatsächlich zu einem Lifestyle geworden, den wir auf Reisen oder in unserer Homebase auf gigantischen 56 Quadratmetern Wohnung leben. 😀

Camping in Portugal

Weil Einfach eben einfach gut sein kann...

Wo wir uns wirklich zuhause fühlen

Natur. Das Wort stammt vom lateinischen natura und bedeutet dort Geburt und Schöpfung. Laut Wikipedia bezeichnet es „das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde.“

Beide Definitionen geben uns eine Idee, warum wir uns in der Natur so viel freier fühlen: Wir sind Teil von etwas Großem und Ursprünglichem, das uns komplett umgibt, gewaltig ist und trotzdem Sicherheit gibt.

Fast nur barfuss laufen. Stundenlang aufs Meer schauen. Mit Bergen ringen. Mit offenen Augen jede vorbeiziehende Landschaft wahrnehmen. Vom Wetter abhängig sein. Mit den Stimmen der Tiere einschlafen. Das schafft eine Verbindung.

Zudem stellt das Leben im Camper alles auf den Kopf: Drinnen sein wirkt plötzlich klein und beengt, draussen sein frei und unendlich weit.

Kalte Nächte, brütende Mittagshitze, Sand im Bett und überall Mücken erinnern auch minütlich daran, dass selbst diese Trennung jetzt nur noch ein Stück Auto-Blech dick und eine Schiebetür breit ist. Es gab nicht mehr uns und die Umwelt. Nur noch die Welt.

Wir waren nicht mehr draussen zuhause. Einfach zuhause.
Roadtrip Portugal - Vanlife pur

Manchmal hatten wir ein paar Camping-Nachbarn

Vanlife - Leben im Campervan

Oft gab es nur uns und das Meer

Müll und Massen – Die Schattenseiten des Reisens

Während dieses warme Gefühl der Verbundenheit langsam bis in unser Innerstes sickerte, öffneten sich unsere Augen immer weiter für eine andere, traurige Wahrheit:

Müll war unser ständiger Begleiter, egal wie ab vom Schuss wir unsere Lager aufschlugen. Touristenmassen, besonders als wir dann im Juli/August in die Hochsaison nach Portugal kamen. Verantwortungslosigkeit, Verschwendung, verblasste Kultur unter Kitsch und Kommerz, Wasserknappheit und brennende Wälder waren die Schattenseiten des Reisens, die uns jetzt immer tiefer bewegten. 

Irgendwann nahmen wir jeden Müllhaufen auf unseren Stellplätzen so persönlich, als hätte man ihn direkt in unseren Vorgarten gekippt. Wir fühlten uns in Menschenmengen so unwohl, als würden all diese Fremden uneingeladen in unserem Wohnzimmer stehen. Wir hatten einfach nur noch Mitleid für all die Tiere, die ihr Leben hergeben mussten, damit Restaurants regelrechte Fleischberge auftischen können. Wir wurden wütend auf das ganze Zeugs, das man uns an Souvenirständen andrehen wollte, nur um unser Leben wieder so schwer zu machen, wie es noch bis vor kurzem war.

Jaaa… man könnte sagen, besonders ich wurde hypersensibel und drehte zwischendrin mal komplett durch! Die Zerstörung der Natur, Achtlosigkeit, Respektlosigkeit. Ich konnte nicht mehr hinsehen, aber auch nicht mehr wegschauen. Ich fragte mich, warum uns das bisher kaum aufgefallen war, ob es uns früher egal war und was eigentlich los ist auf dieser Welt. Mit den Menschen im Allgemeinen und mit den Reisenden im Besonderen.

Wir fingen an, wütend und angeekelt Parkplätze, Wiesen und Strände vom Müll zu befreien – schon allein deshalb, weil wir nicht zwischen Klopapier, Coladosen und Tetrapaks Abendessen wollten. Wir schämten uns fremd als Camper und Ausländer. Wir wollten ein Zeichen setzen, dass wir verantwortlich mit der Freiheit umgehen, die uns andere Länder schenken. Wir wollten etwas zurückgeben. 

Roadtrip Andalusien mit dem Campervan

Im Einklang mit der Natur zu sein hat unser Leben nachhaltig verändert

Unser grösstes Learning: EINFACH ALLES IST EIN REISE

Während dieser Wochen und Monate auf Reisen begann eine neue Reise für uns. Wir befassten uns intensiver mit Natur- und Klimaschutz, und besonders mit Tierrecht und Veganismus. Wir lernten, lasen und beobachteten. Wir vernetzten uns in Sozialen Netzwerken mit anderen, denen Nachhaltigkeit und ein bewusstes Leben genauso wichtig ist. Wir begannen (mal wieder) unser eigenes Leben zu hinterfragen – diesmal nicht mit der Frage "Wie FREI können wir leben?" sondern "Wie FAIR sollten wir leben?"

Und da waren sie dann: Die zwei großen Fragen, die uns wirklich bewegen. Die Themen, über die wir schreiben möchten, an denen wir arbeiten und für die wir inspirieren wollen: Reisen, Freiheit, Nachhaltigkeit. So und irgendwann dort ist unser Blog und Herzensprojekt Nomads and Rebels entstanden.

Mittlerweile war es September und wir waren bald ein halbes Jahr unterwegs. Unsere Traumreise ohne Plan hat sich zu einer gewaltigen inneren Reise entwickelt. Wir haben das Leben gesucht und es hat uns gefunden – und holy shit, es hat wirklich noch viel mehr zu bieten, als wir uns das ein Monate zuvor hätten träumen lassen!

Als wir wieder zurück in Deutschland waren, haben sich die meisten Leute brennend dafür interessiert, wie oft wir uns gestritten haben und wie das Leben nur mit einer Campingtoilette ist. Ein paar wenige haben uns gefragt, was unsere größten Learnings aus dieser Reise sind. Eine (gute) Frage, die wir so richtig erst heute mit ein wenig Abstand beantworten können:

Das Leben ist keine Generalprobe – es gibt nur diese eine Aufführung! Ob uns die glücklich macht, hängt davon ab, welche Vorstellung wir besuchen. Und die können wir sogar jeden Tag neu aussuchen. Freiheit ist eine Entscheidung. Das kannst du glauben, nicht glauben oder so mutig sein und es selbst erfahren.

Unseren Sinn und die Erfüllung unseres Lebens finden wir alle in ganz unterschiedlichen Dingen, aber es gibt mindestens einen gemeinschaftlichen Auftrag, der uns alle verbindet: diesen Planeten zu beschützen. Weil die Welt unser Zuhause ist.

Das ganze Leben ist eine Reise. Nichts bleibt wie es ist, wir bleiben nicht wer wir sind. Wie aufregend, außergewöhnlich und erfüllend diese Reise ist, hängt ganz allein davon ab, ob wir Veränderungen begrüßen und immer wieder loslassen lernen oder ob wir ewig an Altem festhalten und voller Angst in die Zukunft sehen. Es ist unsere Reise.


Wir hoffen, wir konnten dich ein wenig mitnehmen in unsere Gefühlswelt dieser spannenden Reise. Hast du ähnliche Erfahrungen auf einer Langzeitreise gemacht oder möchtest du gerne zu einem richtigen Abenteuer aufbrechen?

Wir freuen uns über deine Gedanken dazu in den Kommentaren!

KOMMENTARE:

  • Mirsada

    5. Februar 2019

    Liebe 💕 Laura,
    Vielen Dank für diesen Bericht.
    Unsere Umwelt wird rücksichtslos behandelt dennoch können wir und jeder Einzelne einen Beitrag dazu tragen, unsere Generation nach uns zu lehren, behutsam mir ihr umzugehen.
    Deine Mirsada

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