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Manila ✺ Drei Tage in der schäbig-bunten Millionenmetropole

★ Backpacken auf den Philippinen - Drei Tage in Manila

Die schönen Ecken Manilas sind bunt und phantasievoll

Die philippinische Hauptstadt Manila ist ein überdrehter Riese mit vielen Gesichtern, der Neuankömmlinge wie uns binnen Stunden einfach platt macht. Trotzdem haben wir versucht, ein paar dieser Gesichter tief in die Augen zu schauen, in denen sich alle Extreme einer asiatischen Metropole spiegeln. 

WARUM WIR DREI TAGE IN MANILA BLEIBEN

Die insgesamt knapp 24 Stunden dauernde Anreise von Deutschland auf die Philippinen war schon so aufgeladen mit Gedanken und Eindrücken, dass man diesen Flug- und Warte-Tag diesmal getrost als Reisebeginn zählen darf.
Jetzt wartet Manila auf uns, Landeshauptstadt und Zentrum von Luzon, der größten von über 7000 philippinischen Inseln.

Einst galt die Millionenmetropole als „Perle des Ostens“, aber diese Zeiten sind längst vorbei. Auch wenn Manila noch einen trüben Schimmer von der Pracht des spanischen Kolonialismus beherbergt, hunderttausend Jeepneys die amerikanische Lässigkeit vergangener Besatzungszeiten am Leben halten oder der große Rizal-Park ein bisschen Grün ins viele Grau tupft, eilt Manila doch inzwischen der Ruf einer jeden asiatischen Mega-City voraus: arm, laut, dreckig.

Wohl deshalb, und weil die beliebten Urlaubsinseln der Philippinen am schnellsten mit einem direkten Weiterflug von hier zu erreichen sind, sehen die meisten Reisenden von Manila nicht viel mehr als die Ankunftshalle des Airports.
Und trotzdem wollen wir drei Tage bleiben. Um den Jetlake auszuschlafen und um eine Realität der Philippinen zu erfahren, die man an weissen Puderzuckerstränden schnell mal vergisst.

Aber zuerst ein paar Formalitäten: Einreise-Visa abholen, SIM-Karten wechseln, philippinische Pesos abheben. Dann geht es mit einem Grab-Car, ein privates Taxi ähnlich wie hierzulande Uber, zu unserer Unterkunft. Es ist die einzige, die wir schon in Deutschland gebucht haben.

In Manila trifft Modern auf Heruntergekommen

Manila - eine Mega-City zwischen Wolkenkratzer und Wellblechhütte

MAKATI – TODMÜDE IN EINER STADT DIE NIEMALS SCHLÄFT

Unser Air BnB in im Bezirk Makati ist ein Zimmer in der Wohnung von Mark und Christine, die ebenfalls gerade die Welt bereisen: klein und dunkel, aber nett eingerichtet, recht ruhig und klimatisiert. AC-Zimmer sind sonst nicht unsere Prämisse, aber in Manila steht die Hitze am Nachmittag und schon auf dem unklimatisierten Flur hat es um die 35 Grad.

Unser Abendspaziergang entlang der übervollen Makati Avenue wird ein direkter Jump-In ins grellbunte Nachtleben der Stadt. Makati ist das modernste Viertel Manilas. Noch vor gut 50 Jahren fand man hier ein weites Sumpfgebiet, in dem sich Kröte und Moskito gute Nacht sagten. Heute feiern, leben und arbeiten hier Wirtschaftsbosse, Marktköche, Touristen und Lady-Boys zwischen Luxushotels, Banken-Tower, verfallenen Wohnstätten und schäbigen Etablissements bis der Morgen anbricht. Zwei Stunden kommen wir da mit, finden noch eine kleine Bude, die uns ein bisschen Tofu und Limettennudeln brutzelt und dann sind wir endgültig erledigt.

RIZAL PARK – EIN GRÜNER TUPFEN IN MANILAS GRAU

Am nächsten Tag fahren wir zum Rizal-Park, der grünen Oase Manilas. Über den riesigen Platz vor dem Park, der dem philippinischen Nationalhelden José Rizal ein Denkmal setzt, schallt aus mehreren Lautsprechern Whitney Houston – amerikanische Herzschmerzballaden scheinen hier sowieso recht beliebt zu sein.

Weniger getragen ist die Stimmung im angrenzenden Chinesischen Garten, ein Thementeil der Parkanlage: Zwischen alten Bonsaibäumen, geschwungenen Brücken, künstlerischen Pagoden und in Stein gemeißelten Lebensweisheiten studiert eine Gruppe von Tänzern eine Choreografie zu Dean Martin’s Allzeitklassiker „Sway“ ein. Herrlich! Wir lassen uns anstecken und tänzeln mit Ohrwurm weiter nach Intramuros.

In Manila findet das Leben auf der Strasse statt

Viele Ecken in Manila sind schmutzig, aber bunt

Manila: Bunt und schäbig zugelich

Nur hier konnten wir guten Gewissens die Kamera zücken

INTRAMUROS – MANILAS SPANISCHE SEELE

Tom und ich sind Altstadtkinder. Unsere Wohnung in Regensburg liegt mitten in der Weltkulturerbe-Altstadt und auch auf Reisen zieht es uns immer in die ältesten Gassen der Stadt. Historische Altstädte sind wie Keimzellen, dort wo alles begann und auf der ganzen Welt bunt, gemütlich und lässig. Genauso ist Manilas historischer Kern und ältestes Viertel Intramuros.

Intramuros war über 350 Jahre das Zentrum des spanischen Kolonialimperiums im Fernen Osten. Das Zeugnis dieser Baukunst überstand Feuer und Erdbeben, aber nicht den Zweiten Weltkrieg. Dass wir bei unserem Spaziergang wieder zurückversetzt wurden an unseren letzten Sommer in Sevilla und Valencia liegt an aufwendigen Restaurierungsarbeiten, die seit Jahren Manilas Wurzeln Stück für Stück frei legen.

Kaum tritt man durch die dicke Stadtmauer, weht einem europäischer Wind entgegen. Pferdekutschen klackern über das Kopfsteinpflaster, vorbei an massiven Steingebäuden mit verwinkelten, grün bepflanzten Innenhöfen. Der Verkehrspolizist in Hut, Stiefel und hellblauer Sheriff-Uniform steht mitten auf der Kreuzung. Die dicke Manila Cathedral bringt katholischen Prunk in die Szene.

Schon ein paar Strassen weiter ist man zurück in Asien. Kleine Kioske mit Chips und Süsskram unter Wellblechverschlägen und bunten Strassengirlanden aus alten Plastiktüten. Vergnügte Kinder ohne Schuhe spielen auf den Strassen, die hinter Intramuros schnell wieder breiter werden und jetzt voller hupender Roller, Tricycles (Moped mit Beiwagen), Minivans, SUVs und sich durchschlängelnder Radfahrer sind. Back to reality.

Der Verkehr wird in Intramuros noch per Hand gesteuert

Aus der Zeit gefallen

Pferdekutschen gibt es in Manila nur in Intramuros

Intramuros ist Manilas spanische Seele

UNTER BLECH & PAPPE – MANILAS SEITENSTRASSEN

Für den Rückweg nach Makati ordern wir wieder ein Grab-Taxi. Die fünf Euro sind es wert, der Erstickungsgefahr in einem Jeepney in Manilas Rush Hour kurz vor 17 Uhr zu entgehen. Unser Fahrer hält sich konsequent an sein Navi, das wiederum an eine Route, die sämtliche gängigen großen Strassen ausschließt. So brauchen wir eine gute Stunde für 10 Kilometer, stecken in Gassen fest, die kaum breiter als das Auto sind, stehen hupend in Wohn-Slums und sehen schon wieder ein anderes Gesicht Manilas:

Windschiefe, notdürftig zusammengezimmerte Behausungen mit kaum sichtbaren Eingängen, die alle zusammenkleben und wie ein Labyrinth von den Strassen in eine eigene Welt aus Blech und Pappe führen.

Junge Burschen, die auf ihren Rollern schlafen. Matratzen am Strassenrand.
Ein kleines Mädchen mit einem noch kleineren auf dem Arm, daneben liegt ein Baby auf den Betonstufen eines Mini-Marktes.

Strassenränder gesäumt mit Plastikmüll, Autoreifen und Bauschutt. Löcher in den Strassen, so groß dass Menschen darin einfach verschwinden könnten.

Kichernde Mädchen in Schuluniform.

Tricycles, die sich an uns vorbeiquetschen. Voll beladen mit Menschen, Kindern, Hühnern, Gepäck und Einkäufen.

In Rauch eingehüllte Grillstände. Alte Frauen, die Bananen und Mangos und jede Menge China-Chips auf ihren kleinen Holzständen aufgebaut haben.

Schwere Herzen. Schmutzige Hände. Freundliche Gesichter.

Manila im Morgengrauen

Ganz früh am Morgen ist die Luft noch klar

Manilas grelles Nachtleben

Manila - Eine Stadt, die niemals schläft

38th FLOOR – FREI FÜHLEN ÜBER MANILA

Am nächsten Tag müssen wir noch einmal für eine Nacht die Unterkunft wechseln, weil wir nicht verlängern können und unser Bus auf die Nachbarinsel Mindoro erst am nächsten Morgen fährt.

Wir ziehen um in ein AirBnB im Stadtteil Eremita, der näher zur Bus-Station liegt. Etage 38 in einem der Beton-Riesen des modernen Viertels. Das Appartement hat ein Zimmer mit wenigen Quadratmetern, eine höllisch laute Klimaanlage (die wir als erstes ausschalten) und einen kleinen Balkon, der hoch über Manila schwebt. Knappe 100 Meter sind das bestimmt – trotzdem ist die Luft kaum klarer, das Hupen und Dröhnen kaum leiser, die Millionen Lichter kaum blasser.

Unsere Unterkunft zu organisieren (und zu finden!), die Bustickets zu besorgen (es gibt unzählige Terminals und Ticketschalter – dieser hier war im hintersten Eck einer Hotellobby) und irgendetwas Vegetarisches zu essen aufzutreiben (es wurde indisch), kostet den halben Tag.

Deshalb nutzen wir abends lieber das gute WiFi, als uns nochmal Manila bei Nacht zum Fraß vorzuwerfen. Wir packen unsere Laptops aus und grinsen uns an. Es ist unsere erste Reise mit unserem kleinen Büro im Backpack und was wir noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten haben, ist hier und jetzt real: reisen und an unseren eigenen Projekten arbeiten.

Frei zu reisen und zu arbeiten, egal an welchem Ort und in welcher Zeitzone, ist Teil unseres Traumlebens und in diesem Moment das erste Mal so richtig greifbar. Ob in diesem uncharmanten Grossstadtzimmer oder mit Blick aufs Meer ist gerade egal. Das Gefühl ist einfach nur genial und lässt uns wieder so dankbar auf die Entscheidung zurückblicken, die wir jetzt vor gut einem Jahr getroffen haben: einen Neuanfang zu wagen und unser eigenes Ding zu starten.

Mit diesen Gedanken schauen wir nochmal vom Balkon über die leuchtende Skyline von Manila – jetzt irgendwie mit anderen Augen – und kriechen schon wieder todmüde ins Bett.

Die ersten Tage auf den Philippinen waren staubig, laut und bereichernd. Jetzt freuen wir uns auf Dschungel, Meer, Sand und grünen Balsam für die Seele.

Hier ist Platz für deine Gedanken