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braucht manchmal Zeit
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Dieser Roadtrip hat unser Leben verändert

Am Steuer seines eigenen Lebens sitzen und voll und ganz dieser inneren Stimme vertrauen. Kein Ballast, endlich leicht sein. Follow the Flow. Ungefähr das sind unsere Gedanken zurück an diesen Roadtrip, an unser Leben im Camper, die wir äußerlich nur mit einem Lächeln ausdrücken können.

Dezember 2017. Irgendwo im Jahresendspurt, zwischen knallbunter Weihnachtsbeleuchtung und deutsch-grauem Winter, trafen Tom und ich die bis dato beste Entscheidung unseres Lebens: Leben!

Schon seit Monaten haderten wir mit allem und suchten vergeblich nach diesem einen guten Gefühl, dass alles im Lot ist, das sich irgendwann aus unserem Leben geschlichen hat.

Und dann war sie einfach da: die Stimme, die uns sagte: „Okay, let’s do it!“

Wir schnitten alte Fesseln durch, machten Gewohnheiten und Bequemlichkeit platt und zimmerten ein klappriges Zukunftsgerüst mit einem Schild dran, auf dem Neuanfang stand.

Januar 2018. Wir kündigten unsere festen Jobs, verkauften, verliehen und verschenkten unsere Vergangenheit. Wir schmissen alte Pläne über den Haufen und Abschiedspartys mit Freunden.

Die letzten Wochen in Deutschland waren anstrengender als gedacht. Etwas aufzugeben ist ein Ritt mit Höhen und Tiefen. Die größte Herausforderung ist es, nicht aufzugeben.

April 2018. Reisestart. Mit unserem Camper, einer groben Route und Vorfreude auf irgendwas brachen wir auf. Immer der Küste entlang durch Südeuropa. Auf der Karte haben wir es durch Frankreich, Spanien und Portugal geschafft – in unseren Gedanken noch viel weiter.

Ein gutes halbes Jahr später schauen wir auf diese Reise zurück und müssen lächeln. Wir haben uns verändert. Irgendwo zwischen Kilometer 1 und 10.000.

GUTE ENTSCHEIDUNGEN BEGINNEN MIT „OH YEAH!“

Die erste bleibende Erfahrung kam, bevor wir auch nur einen Meter Boden unseres Roadtrips gutgemacht haben: nennen wir es das „Und ich hab’s doch gemacht“-Gefühl.

Ein gutes Gefühl. Mit Durchsetzungsvermögen und Entscheidungskraft.

Nicht so gut: Es begegnet einem nur im Angesicht mit seinem inneren Zweifler und anderen Angsthasen, die – hat man einmal seinen Entschluss, Grosses zu wagen, in die Welt hinaus posaunt – meist auch nicht lange auf sich warten lassen.

Da schreibt Tim Ferris in „Die 4-Stunden-Woche“ (der Bibel aller Aus- und Umsteiger):

Icon Merker - Das werden wir nie mehr vergessen

»Die meisten Menschen sind schnell bereit, dich zu bremsen, bevor du überhaupt angefangen hast. Sie zögern aber, sich dir in den Weg zu stellen, wenn Du bereits unterwegs bist.« Tim Ferris

Damit rät uns Ferris wohl nicht, mit seinen Träumen so lange hinterm Berg zu halten, bis man schon im Flieger sitzt oder seine erste Millionen verdient hat (weil schwierig und sehr einsam), sondern dass man eine Entscheidung fällt. Ganz oder gar nicht. Mit Haut und Haaren.

Also, welche Veränderung du in deinem Leben auch planst:

  Leg das Ziel fest, steck die Route ab und mach dich mental schon mal auf die Socken.

  Frag deinen Bauch: Macht die Entscheidung frei oder eng?

  Und wenn er schreit FREI, dann schrei du JA so laut du kannst.

  Von diesem Moment an bist du unterwegs.

Große Pläne erfordern Mut, Disziplin und ein starkes Herz, werden aber fast immer mit dem „Oh Yeah! Und ich hab’s doch gemacht“-Gefühl belohnt. Spätestens dann weißt du, dass deine Entscheidung richtig war und alles gut wird.

Wird’s ja eh immer…

Vanlife pur - Mit der Hängematte in der Wildnis

Das sind sie: Die Momente, in denen wir sagten...

Direkt am Meer aufwachen und den Ausblick geniessen

``Oh Yeah! Gut, dass wir's doch gemacht haben!``

AUCH OHNE PLAN GEHT’S IMMER WEITER

Nächste Erkenntnis: Wir waren fertiger als gedacht.

Vor der Reise malten wir uns das Leben im Camper als romantisches Wildlife-Abenteuer aus. Ganz im Rhythmus der Natur, Sonnenaufgänge auf einsamen Berggipfeln und frischer Kaffee mit den ersten Vögeln am Morgen.

Gab es manchmal – aber sicher nicht in den ersten acht Wochen. Die haben wir nämlich beinahe komplett verpennt. 10-Stunden-Nächte waren die Regel und am Nachmittag haben wir meistens nochmal ein bis zwei Stunden geschlafen. Traumlos und so fest wir schon ewig nicht mehr.

Richtig erholt waren wir selbst danach oft nicht. Nebel im Kopf. Sorgen übernahmen das Steuer. „Wie geht’s jetzt eigentlich weiter?“ Keinen Plan. Viel Leerlauf.

Wir fühlten uns schwer und unserer Abenteuerlust beraubt, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass dieser Dornröschenschlaf schlicht und einfach pure körperliche Erschöpfung war. Eine wirkliche Regenerationsphase, in der sich unsere Körper all die Energie konsequent zurückholte, die wir in den letzten Jahren kopflos verschleudert haben.

Es dauerte Wochen, aber dann löste der Nebel sich auf, die Leere füllte sich auf einen Schlag mit Leben und einer Energie, die sich neu und anders anfühlte.

Zu wirklichen Frühaufstehern sind wir seitdem übrigens trotzdem nie mehr geworden. Weil wir eben schon immer eher Typ Nachteule statt Early Bird waren und auch, weil Kaffee im Morgentau irgendwie überbewertet wird.

Wissen wir jetzt.

Mit dem Camper zu den schönsten Sonnenuntergängen

Wenn du den Sonnenaufgang verpennst, nimm einfach den Sonnenuntergang

WAS DU NICHT HAST, STEHT NICHT IM WEG

Minimalismus. Ein Begriff, der mir bisher nur hin und wieder unter Bildern von unterkühlt eingerichteten Wohnzimmern in schwedischen Lifestyle-Magazinen auffiel, mich auf dieser Reise aber noch ganz weit von Schweden entfernt einholen sollte.

Denn: Vanlife = Minimalismus. In einem Rolling Home hat das dann aber viel weniger mit Lebensstil als mit Über-Lebens-Maßnahme zu tun: in einem Camper bleibt für einen kompletten Haushalt vom Kochtopf bis zum Schlauchboot (Yup, hatten wir dabei! :D) inklusive Möbel, Bad und Küche ungefähr soviel Stauraum wie in einem gewöhnlichen Kleiderschrank.

Jedes Ding braucht hier einen fest verschnürten Platz und eine Funktion. Alles andere fliegt einem bei der Fahrt um die Ohren oder ist ständig im Weg – und damit prädestiniert, dich in den Wahnsinn zu treiben!

Es dauert also nur wenige Tage im Bus, um eine passionierte Shopping- und Deko-Queen wie mich vom Prinzip Faltbar – Praktisch – Gut zu überzeugen.

Minimalismus hieß für mich früher Mangel und Einschränkung. Heute: Leichtigkeit, Freiheit und Wertschätzung für die Dinge, die da sind, die mir helfen, die mich glücklich machen.

Minimalismus ist für uns nun tatsächlich zu einem Lifestyle geworden, den wir außerhalb des Campers auch auf gigantischen 56 Quadratmetern Wohnung leben. (Dazu bald ein eigener Artikel…).

Camping heisst auch Wäsche im Sonnenuntergang trocknen

Formel für Kleidung beim Camping: Nur so viel mitnehmen, wie auf die Leine passt

ZUHAUSE IST BARFUSS IM SAND

Natur. Das Wort stammt vom lateinischen natura und bedeutet dort Geburt und Schöpfung. Laut Wikipedia bezeichnet es „das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde.“

Beide Definitionen geben uns eine Idee, warum wir uns in der Natur so viel freier fühlen: Wir sind Teil von etwas Großem und Ursprünglichem, das uns komplett umgibt, gewaltig ist und trotzdem Frieden spendet.

Fast nur barfuss laufen. Stundenlang aufs Meer schauen. Mit Bergen ringen. Mit offenen Augen jede vorbeiziehende Landschaft beobachten. Das schafft eine Verbindung.

Irgendwann spürten wir die Urkraft in uns. Und den Frieden auch.

Das Leben im Camper stellte alles auf den Kopf: Drinnen sein wirkte plötzlich klein und beengt, draussen sein frei und unendlich weit.

Kalte Nächte, brütende Hitze, Sand im Bett und überall Mücken erinnerten auch minütlich daran, dass selbst diese Trennung jetzt nur noch ein Stück Auto-Blech dick ist und eine Schiebetür breit.

Wir waren nicht mehr draussen zuhause. Einfach zuhause.

Füsse im Sand - draussen zuhause

Zuhause ist barfuss im Sand

Vanlife - Abendessen direkt am Strand

Wenn dein Zuhause plötzlich riesig wird

MENSCHSEIN MACHT MANCHMAL TRAURIG

Während dieses warme Gefühl der Verbundenheit langsam bis in unser Innerstes sickerte, öffneten sich unsere Augen immer weiter für eine andere Wahrheit, mit der wir ebenso unzertrennlich verbunden sind wie mit der Natur: Wir gehören zu denen, die das hier alles kaputt machen; die Schönheit und (ihren eigenen!) Lebensraum zerstören, verschmutzen, verbrauchen und missachten.

Müll als ständiger Begleiter, Touristenmassen und Verantwortungsarmut, Verschwendungssucht, verblasste Kultur unter Kitsch und Kommerz, Wasserknappheit und brennende Wälder waren die Schattenseiten des Reisens, die uns jetzt immer tiefer bewegten.

Irgendwann nahmen wir jeden Müllhaufen so persönlich, als hätte man ihn direkt in unseren Vorgarten geschmissen. Wir fühlten uns in Menschenmengen so unwohl, als würden all diese Fremden uneingeladen in unserem Wohnzimmer stehen. Es regte sich Mitleid in uns für all die Tiere, die ihr Leben hergeben mussten, damit Restaurants regelrechte Fleischberge auftischen können. Wir wurden wütend auf das ganze Zeugs, das man uns an Souvenirständen andrehen wollte, nur um unser Leben wieder so schwer zu machen, wie es noch bis vor kurzem war.

Jaaa… man könnte sagen, besonders ich wurde hypersensibel und drehte zwischendrin mal komplett durch! Unsere Bewusstseinsentwicklung passierte in diesen Wochen fernab von allem so schnell und radikal, dass wir uns plötzlich wie Fremde in einer falschen Welt fühlten:

Als wären wir schon wieder von allem getrennt.

EINFACH ALLES IST EIN REISE

Am liebsten hätten wir alle um uns herum bei den Schultern gepackt und mal kräftig durchgeschüttelt. Sie angeschrien: „Warum verschwendest du so viel Leben? Warum so viel Zeit? Warum so viel Ressourcen?!“

Aber alles und jeden durch diese finstere Brille zu beurteilen, ist genauso kontraproduktiv für eine bessere Welt voller Umsicht und Freude, wie unreflektiert vor sich hin zu leben und hartnäckig daran festzuhalten, dass schon alles irgendwie so passt. (Wie der Bayer das sagen würde…)

Icon Auge - für erhellende Momente

Wir konnten ja selbst nicht glauben, dass wir gut 30 Jahre gebraucht haben, um zwei Dinge wirklich zu verstehen:

1.   Das Leben ist keine Generalprobe – es gibt nur diese eine Aufführung! Ob uns die glücklich macht, hängt davon ab, welche Vorstellung wir besuchen. Die können wir sogar jeden Tag neu aussuchen.

2.   Unseren Sinn und die Erfüllung unseres Lebens finden wir alle in ganz unterschiedlichen Dingen, aber einen gemeinschaftlichen Auftrag haben wir sozusagen per Geburtspflicht: diesen Planeten zu beschützen. Weil die Welt unser Zuhause ist.

Das war vielleicht der längste Kilometer unserer inneren Reise.

Wir realisierten, dass wir es tatsächlich selbst in der Hand haben, von heute auf morgen unser Leben zu verändern. Für die ganze Welt braucht es mehr Zeit, aber anfangen müssen wir trotzdem jetzt gleich.

Mut, Gelassenheit und Freude an der Veränderung sind die Essenz dieser sechs Monate on the Road.

Nichts bleibt wie es ist, aber alles wird wie wir es machen.

Erst verändert man sich, dann verändert sich alles.

Weil das Leben ja auch nur eine Reise ist…

✺ ✺ ✺

Weiterlesen: Unser Neuanfang - Bereit für unser Traumleben
✭ KOMMENTARE:
  • Mirsada

    5. Februar 2019

    Liebe 💕 Laura,
    Vielen Dank für diesen Bericht.
    Unsere Umwelt wird rücksichtslos behandelt dennoch können wir und jeder Einzelne einen Beitrag dazu tragen, unsere Generation nach uns zu lehren, behutsam mir ihr umzugehen.
    Deine Mirsada

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